Über die Exkursion der Studierenden berichtet Dr. Jörg Weber, Diplom-Restaurator und Werkstattleiter an der FH Potsdam:

Die Kirche St. Nikolai mit ihrer reichhaltigen, kunstvollen Ausstattung mit vielen Altären, zahlreichen architekturgebundenen Holzobjekten und weiterem mobilen Kulturgut aus Holz offeriert für die Teilnehmer:innen der Exkursionen des Studiengangs „Konservierung und Restaurierung – Holz“ ein ideales Angebot, um praktische Untersuchung und Restaurierung an realen Objekten zu lernen.

Die Studienrichtung unternimmt seit 2003 jährlich ein bis zwei Restaurierungsexkursionen nach Stralsund. Die Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde entstand durch die Anfrage eines Landesdenkmalpflegers. Ziel ist es, Studierenden die Chance zu geben, an der hölzernen Kirchenausstattung zu arbeiten und damit restauratorische Praxis zu sammeln. Die Gemeinde kann im Gegenzug mit der Erhaltung der bearbeiteten Ausstattungsgegenstände rechnen.

In einem solch großen Kirchenraum fällt eine große Menge an Staub und Schmutz an, vor allem, wenn ständig Bauarbeiten, wie die schrittweise Dach- bzw. Turmsanierung stattfinden. Seit 2020 beschäftigen wir uns deshalb nach und nach mit der Reinigung der Altäre. Die Gemeinde und der Förderverein haben dazu ein Rollgerüst angeschafft, das vor dem jeweiligen Altar aufgebaut wird, so dass alle Bereiche des Objektes gut erreicht werden können. Mit Staubsaugern und weichen Pinseln werden die Oberflächen gereinigt und abgefallene Teile mit Glutinleim zurückgeleimt. Teilweise wird die Fassung gefestigt. Die Studierenden erwerben durch die Nähe zum Objekt eine Menge an Detailinformationen. Außerdem werden dadurch auch aufgetretene Schäden dokumentiert. Bislang konnten folgende Altäre gereinigt werden. Bürgermeisteraltar (2020), Olaf-Altar (2023), Bürgermeisteraltar (2020), Altar der Bergenfahrer (2021), Altar der Gürtler und Beutler (2022), Olaf-Altar (2023). Im Jahr 2024 konnte in zwei Kampagnen die zum Chor zeigende Seite des großen Trennaltars von Staub sowie feucht gereinigt werden. Auch hier wurde die Fassung gefestigt.

Der Chorraum ist einer der wichtigsten Orte in einer Kirche. Bei Maurerarbeiten an den umgebenden Chorschranken wurden die gefassten Holzelemente, die sie umgeben, mit einem Grauschleier verschmutzt. Außerdem sind die Eingangspforten und ihre hölzernen Rahmen im Laufe der Jahre durch den häufigen Auf- und Abbau schwerer Podeste mit vielen Kratzern und oberflächlichen Schäden übersät worden. Hier wurde das Holz rund um den Chor zunächst mit speziellen Reinigungsschwämmen und Wasser gereinigt, so dass die Fassung wieder sichtbar wurde. Darüber hinaus wurden einige Stellen am nördlichen Eingangstor mit Gouachefarben auf einer Schellack-Sperrschicht retuschiert und anschließend mit einer 8%igen Schellacklösung wieder versiegelt, um die aufgetragene Retuschierfarbe zu sichern.

Seit Jahren führen wir eine Turmführung durch. Auf dem Weg nach oben begegneten wir jedoch auch immer völlig mit Ziegelmehl und Staub verschmutzten Gestühlsteilen, die laut alten Fotos zum großen Teil im Chorraum der Kirche ein weiteres Laiengestühl bildeten. In inzwischen drei Reinigungskampagnen im Herbst 2022, im Frühjahr 2023 und im Frühjahr 2024 konnten die Gestühlsteile durch Absaugen von der gröbsten Schmutzschicht befreit werden. Sie stehen nun sortiert auf dem Obergadenumgang der Kirche und sollen in diesem Jahr weiter verpackt werden.

Resümee: Was bringen nun diese Exkursionen?

Die Studierenden im 2. Semester lernen sich untereinander kennen und sich aufeinander zu verlassen. Außerdem lernen sie die Arbeit auf einer weitläufigen Baustelle kennen und ein von der Kirche zur Verfügung gestelltes Rollgerüst aufzubauen. Zudem übernehmen Sie die Verantwortung für die ihnen zu Beginn der Arbeitswoche übertragene Aufgabe. Zusätzlich lernen sie etwas über die häufig vorhandene Holzschutzmittelbelastung an den Objekten und wie sie sich vor Gesundheitsschäden schützen. Die Studierenden kommen mit denkmalpflegerischen Zielstellungen in Kontakt und stellen ihre Projekte den meistens zahlreichen und interessierten Kirchenbesuchern vor.

Referate der Studierenden für die Gruppe zur Kirche St. Nikolai und ihrer Ausstattung, zur Stadtgeschichte Stralsunds sowie zu anderen Bauwerken in der Stadt und auf Rügen führen dazu, dass alle Teilnehmenden für eine Woche gemeinsam in die Geschichte Stralsunds abtauchen. So können sie sich mindestens einmal im Studium mit einer solch großen und schönen Baustelle vertraut machen, die immer mal wieder auch ihre kleinen Tücken hat (arbeiten in der Öffentlichkeit, Kälte, weit weg von der Werkstatt).