Liebe Mitglieder des Fördervereins St. Nikolai,

wenn ich auf den gegenwärtigen Umgang von Mensch zu Mensch schaue, aber auch das Verhältnis des Einzelnen zu Organisationen oder Institutionen, dann fällt mir ein uraltes deutsches Wort ein: „Argwohn“. Der Argwohn zerfrisst, was Leben und Zusammenleben möglich macht. Schnell werden dem Gegenüber böse Absichten unterstellt, werden andere Personen und Positionen verächtlich gemacht und schließlich hasserfüllt bekämpft. 

Als Beispiel will ich nur darauf verweisen, wie Journalistinnen und Journalisten als Vertreter der „Lügenpresse“ diffamiert werden. Oder wie mir eine Frau während der Coronapandemie allen Ernstes klar machen wollte, dass die Mitarbeitenden der Weltgesundheitsorganisation „alle Verbrecher“ seien.

Das Wort „Argwohn“ hat eine interessante Herleitung. Der Teil „Arg“ wird seit alter Zeit im Sinne von schlecht, böse und feindselig verwendet. Der zweite Teil „Wohn“ leitet sich nicht, wie man vermuten könnte, von „wohnen“ ab, sondern von „wähnen“ im Sinne von dafürhalten, meinen. Dahinter steht der Wahn und gemeint ist eine Meinung ohne Rücksicht auf Richtigkeit. Wo Menschen sich nur noch argwöhnisch begegnen können, dem Anderen grundsätzlich böse Absichten unterstellen, kann es kein Vertrauen mehr geben und der Kit, der unsere Gesellschaft zusammenhält, zerbröckelt.

Nun möchte ich nicht einer naiven Blauäugigkeit das Wort reden. Es ist wichtig, gewisse Sachverhalte und Positionen kritisch zu hinterfragen. Und zuweilen sind Situationen derart komplex, dass man wirklich Schwierigkeiten hat „durchzublicken“. Wenn die Erklärung noch dazu weit außerhalb des Denkbaren liegt, greift man schnell zu simplen Erklärungen und unterstellt anderen Unredlichkeit oder sogar Böses. Das wird auch in der Weihnachtsgeschichte von Matthäus erzählt. „Als Maria … dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen. Als er noch so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. … Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich“ (Mt 1, 18-24).

Ich kann Josef verstehen. Wenn Maria schwanger und er nicht der Verursacher ist, muss er den Schluss ziehen: Maria ist fremd gegangen. Das besondere in dieser Erzählung ist nun, dass Josef sich nicht hinreißen lässt vom Argwohn. Er hätte Maria öffentlich anklagen können, aber er hat sie nicht bloßgestellt. Und dann öffnet sich für ihn der Himmel und der Engel erscheint. Josef wird von Gott beauftragt, das Heilige zu hüten. Er schafft es, seine Bedenken zu überwinden. Und reagiert mit Anstand auch dort, wo er verletzt ist. Diese Wandlung hat Rainer Maria Rilke zum Ausdruck gebracht in seinem Gedicht „Argwohn Josephs“.

Und der Engel sprach und gab sich Müh
an dem Mann, der seine Fäuste ballte:
Aber siehst du nicht an jeder Falte,
dass sie kühl ist wie die Gottesfrüh.

Doch der andre sah ihn finster an,
murmelnd nur: Was hat sie so verwandelt?
Doch da schrie der Engel: Zimmermann,
merkst du's noch nicht, dass der Herrgott handelt?

Weil du Bretter machst, in deinem Stolze,
willst du wirklich den zur Rede stelln,
der bescheiden aus dem gleichen Holze
Blätter treiben macht und Knospen schwelln?

Er begriff. Und wie er jetzt die Blicke,
recht erschrocken, zu dem Engel hob,
war der fort. Da schob er seine dicke
Mütze langsam ab. Dann sang er Lob.

Josef zweifelt nicht mehr, er fragt nicht mehr. Er hilft dem Kind auf die Welt. Und so geht er weiter alle Wege mit, so wie er den Weg nach Bethlehem gegangen ist. Ohne ihn geht es nicht auf dieser Welt und ohne Menschen, die so sind wie er, die ihren Argwohn überwinden und Misstrauen durch Vertrauen ersetzen. Ich wünsche uns allen, dass der Mensch gewordene Gott mit seiner Botschaft uns hilft, Gräben zu überwinden. Und dass sein Heiliger Geist Wege aufzeigt aus dem Teufelskreis des Argwohns.

Für unseren Förderverein geht ein besonderes Jahr zu Ende. Vor 500 Jahren wurde Stralsund evangelisch. So drehten sich die Veranstaltungen um dieses Ereignis. Immanuel Schoene (Uni Potsdam) sprach über die Gewalt der frühen Reformation. Christoph Freiherr von Houwald stellte seinen Vortrag unter das Thema „Repurgator ecclesiae Sudensis - Christian Ketelhodt und die Reformation in Stralsund“. Professor Ph.D.Habil Maciej Ptaszyński (Universität Warschau) nahm uns mit in den Prozess vor dem Reichskammergericht. Und schließlich sprach nach unserer Mitgliederversammlung die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Dr. Margot Käßmann „Von der Aktualität der Reformation“. Vorgesehen war im zu Ende gehenden Jahr und musste verschoben werden die Vorstellung des Buchs über Elias Kessler, als dessen Hauptwerk die barocke Taufe in St. Nikolai gilt. Nun ist das Werk von Detlef Witt gedruckt und kann bestellt werden unter „www.lukasverlag.com/in-vorbereitung/titel/der-stralsunder-bildhauer-elias-kessler.html“.

Auch das kommende Jahr ist für uns ein besonderes: Die erste urkundliche Erwähnung der Nikolaikirche jährt sich zum 750. Male. Wir werden dieses Ereignis begehen mit einem Colloquium, welches die Situation der Nikolaikirche im 20. Jahrhundert in den Blick nimmt. Das Kaiserreich (Freiherr von Houwald), die Weimarer Republik und der Nationalsozialismus (Prof. Dr. Kuhn) werden in Bezug auf unsere Kirche beleuchtet wie auch die Epoche der DDR (Dr. Garbe und Dr. Ludewig). Dazu laden wir ein zu Stadtführungen und einem Blick auf die Kunst des 20. Jahrhunderts (Dr. Berkemann) und schließlich wird auch Musik dieser Zeit erklingen. Dies alles geschieht am Sonnabend, den 12. September. Eröffnet wird das Colloquium am Vorabend mit einem Vortrag von Prof. Dr. Pickel (Leipzig) über die Zukunft von Kirche und Kirchengemeinde. Die Mitgliederversammlung wird am Sonntag ab 9 Uhr im Rathaus stattfinden, bevor wir zum Festgottesdienst in die Nikolaikirche gehen.

Nun noch eine überaus erfreuliche Nachricht: Die Arbeiten am Südturm ha-ben begonnen! Die günstigen Kostenangebote ermöglichen gar eine Erweiterung der Planung für den ersten Bauabschnitt. Architekt Burkhardt Eriksson wird am 11. August über erste Erkenntnisse der Sanierung berichten. Doch zuvor führt er am 5. Mai über das Gewölbe und am 18. Juni spricht Prof. Dr. Assel (Ethiker an der Uni Greifswald) über „Gutes Sterben“. Zu diesem Vortrag laden wir auch die Ärzteschaft der Region besonders ein. Und am 6. Juli berichtet die Tierpräparatorin Lena Müller über die Restaurierung des Heringshais, der seit vielen Jahren in unserer Kirche hängt. Nähere Informationen erhalten Sie auf unserer Homepage und mit dem Osterbrief.

Im Namen des Vorstands mit den besten Wünschen für ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein glückliches, gesundes neues Jahr

Ihr